Projekt des Monats
01. Jun. 2017

Klimaschutz Kommunal: Oberursel im Taunus

Klimafreundliche Schulwege
Kommunen
Vielerorts ist es das gleiche Bild. Kurz vor acht Uhr morgens, Elterntaxis und Lehrerautos blockieren den Verkehr vor der Schule. Kinder müssen sich durch eine Blechlawine samt Abgaswolke hindurchschlängeln. Nichts geht mehr. In Oberursel (Taunus) wollte man diesen Zustand nicht länger hinnehmen. Daher entschied sich die Stadtverwaltung, das Projekt „Klimafreundliche Schulwege“ auf den Weg zu bringen – gefördert durch das Bundesumweltministerium im Rahmen der Nationalen Klimaschutzinitiative. Anhand eines beispielhaften Schulstandortes erarbeitete die Stadtverwaltung 2015-2016 einen methodischen Fahrplan sowie Handlungsempfehlungen, die auf andere Schulstandorte im Stadtgebiet und auch deutschlandweit übertragen werden können.
  • Situation am Zebrastreifen (Grundschule Stierstadt)
    © Sandra Portella
  • Situation in der Wendeanlage
    © Sandra Portella
  • Schüler der 9a vor Vertretern des Ortsbeirats Stierstadt
    © bb22 architekten + stadtplaner
  • Plakate der Schüler zu den Problemen auf ihrem Schulweg
    © bb22 architekten + stadtplaner

Im Oberurseler Stadtteil Stierstadt, einem durch Ein- und Mehrfamilienhäuser geprägten Wohngebiet, befinden sich eine Grundschule, eine Integrierte Gesamtschule (IGS) sowie verschiedene Sportanlagen. „Wir wollten der Frage nachgehen, ob eine nachhaltige Änderung des Mobilitätsverhaltens möglich ist. Weg vom Auto, hin zu Fuß-, Fahrrad- und öffentlichem Personennahverkehr. Und wenn ja, welche Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden müssen“, erklärt Sandra Portella, Projektverantwortliche bei der Stadtverwaltung Oberursel. Die Förderung durch das Bundesumweltministerium bot der Stadtverwaltung die interessante Möglichkeit, das Thema Schulwegsicherheit mit dem Aspekt Klimaschutz zu verknüpfen und professionelle Unterstützung durch ein Planungsbüro aus Frankfurt am Main zu nutzen.

Analyse des Verkehrsverhaltens

Eine detaillierte Erfassung und Auswertung der Verkehrssituation im Umfeld des Schulstandortes stellte zunächst die wichtigste Grundlage für sämtliche weitere Projektschritte dar. Dabei wurden die Schülerinnen und Schüler der 5. bis 10. Klassen sowie die Eltern der Grundschulkinder dazu aufgerufen, Fragebögen zu beantworten. Außerdem wurden die Kinder eine Woche lang täglich gefragt, wie sie an dem Tag zur Schule gekommen sind. Auch eine Bewertung der Verkehrssicherheit auf den Schulwegen, von Fahrradabstellmöglichkeiten und des öffentlichen Nahverkehrsnetzes stand auf der Agenda der Projektverantwortlichen – ebenso wie die Ermittlung der Potenziale zur Reduzierung der verkehrsbedingten CO2-Emissionen.

Die Analyse der erfassten Daten zeigte unter anderem, dass trotz einer durchschnittlichen Wegstrecke von nur einem Kilometer ein Drittel der Kinder mit dem Auto zur Schule gelangt. „Überraschend war, dass die Schülerinnen und Schüler ein wesentlich umweltbewussteres Mobilitätsverhalten besitzen als die Eltern und die Lehrerinnen und Lehrer“, so die Verwaltungsmitarbeiterin. Die Eltern der jüngsten Schülerinnen und Schüler entschieden sich – laut eigener Aussage – für das Auto, da sie um die Sicherheit ihrer Kinder fürchten. Das Lehrpersonal gab an, dass sie oft keine andere Wahl als das Auto hätten, da sie sehr lange Strecken in teils entlegene Dörfer und mit viel Schulmaterialien beladen zurücklegen müssen. „Wichtige Erkenntnis ist, dass besondere Achtsamkeit auf die erwachsenen Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmer gelegt werden sollte. Nicht nur aufgrund der direkten Umweltbelastung, sondern auch wegen ihrer Vorbildfunktion für die nächste Generation“, verdeutlicht der Erste Stadtrat der Stadt Oberursel (Taunus) Christof Fink.

Hohe Identifikation durch Beteiligung

Ganz in diesem Sinne nahm die Akteursbeteiligung einen wichtigen Stellenwert im Projektverlauf ein – von den Schülerinnen und Schülern, über die Lehrkräfte, Eltern, Anwohnerinnen und Anwohnern, den Vereinen, die nachmittags die Sportanlagen nutzen bis hin Umweltverbänden, zur Politik und Verwaltung. „Unser Ziel war und ist, dass sich möglichst viele Akteure mit den Projektzielen identifizieren. Am Ende kommt es darauf an, dass ein hoher Anteil zu einer Verhaltensänderung bereit ist“, weiß Christof Fink.

Schülerschaft berechnet CO2-Fußabdruck

So beschäftigten sich zum Beispiel die Schülerinnen und Schüler einer neunten Klasse der IGS während einer sogenannten Alternativwoche mit dem Thema „Klimafreundliche Mobilität auf dem Schulweg“. Dabei berechneten die Schülerinnen und Schüler unter anderem ihren eigenen CO2-Fußabdruck mit Hilfe eines Online-Tools. Zugleich wurde auch über Probleme, die es auf dem Schulweg geben kann, sowie über Lösungsideen diskutiert. Darüber hinaus kartierten die Schülerinnen und Schüler ihre eigenen Schulwege, identifizierten Problemstellen und suchten während einer Stadtrallye gemeinsam nach Lösungen. Als Abschluss der Alternativwoche trugen die Schülerinnen und Schüler ihre Ergebnisse dem Ortsbeirat Stierstadt vor. So informierten sie die anwesenden Mitglieder über den CO2-Fußabdruck, den „Modal-Split“ der Klasse und über gefundene Probleme auf ihren Schulwegen. Sie hatten zu diesem Zweck Poster erstellt und erläuterten diese in kleinen Gruppen. Außerdem bewerteten die Schülerinnen und Schüler das Projekt allgemein und sprachen sich dafür aus, häufiger beziehungsweise mehr über das Thema Klimaschutz zu erfahren. Sie legten den anwesenden Politikern nahe, einmal selbst den CO2-Rechner auszuprobieren. Lara-Maria Mohr vom beauftragten Planungsbüro freut sich, dass die Schülerinnen und Schüler durch dieses Projekt auch einen Einblick in die Arbeit der Kommunalpolitik erhalten haben: „Dieser direkte Dialog der Schülerinnen und Schüler mit den Kommunalpolitikerinnen und -politikern ist ein tolles Ergebnis des Klimaschutzprojektes bei dem sie die direkte Umsetzung ihrer Vorschläge durch Politik und Verwaltung verfolgen können.“

Detaillierte Maßnahmenplanung lädt zur Nachahmung ein

Denn die Ideen der Schülerinnen und Schüler flossen zugleich auch in den Maßnahmenkatalog ein, den das Planungsbüro gemeinsam mit der Stadtverwaltung erarbeitete. Dieser enthält 25 Einzelmaßnahmen für zahlreiche Straßen und Knotenpunkte im Umfeld der Schulen – angefangen von einer veränderten Verkehrsführung über Zebrastreifen, Schaffung von Radwegen, einer besseren Straßenbeleuchtung bis hin zu einer Reduzierung der Parkplätze, Geschwindigkeitsbegrenzungen und einem Ausbau des ÖPNV-Netzes. „Einige dieser Maßnahmen konnten bereits umgesetzt werden“, erklärt Sandra Portella. Einen hohen Stellenwert soll darüber hinaus eine breit angelegte, öffentlichkeitswirksame Kampagne mit gezielten Aktionen einnehmen.

„Mit dem für Oberursel vorliegenden Konzept wurde eine Methode zur Verbesserung der Schulwege entwickelt und getestet, die nun auch an den anderen Schulstandorten in Oberursel und darüber hinaus angewendet werden kann“, verdeutlicht der Erste Stadtrat Christof Fink den Erfolg des Projektes. Sämtliche Projektunterlagen, wie zum Beispiel auch die Fragebögen, stellt die Stadtverwaltung anderen Kommunen zur Nachahmung zur Verfügung.

Auf einen Blick:

Antragsteller

Stadt Oberursel (Taunus)

45.723 Einwohner (Stand 2015)

Bundesland

Hessen

Geförderte Projekte im Rahmen der NKI

 

Klimafreundliche Schulwege in Oberursel
(Klimaschutzteilkonzept „Klimafreundliche Mobilität“)

Projektzeitraum:

01.04.2015 – 29.02.2016

Ansprechperson

Magistrat der Stadt Oberursel (Taunus)
Geschäftsbereich Umwelt, Energie und Verkehr
Abteilung Mobilität und Verkehr

Sandra Portella
Rathausplatz 1
61440 Oberursel

Tel. 06171 502-412
E-Mail: sandra.portella@oberursel.de

www.oberursel.de/stadtleben/bauen-verkehr-umwelt/mobilitaet-verkehr/schu...

 

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