Nahaufnahme Klimaschutz
August 2015

Gunnar Thöle, Nordfriesland

„Strom vom Deich statt Öl vom Scheich“ – ganz nach diesem Motto gewinnt die Elektromobilität im Kreis Nordfriesland immer mehr an Bedeutung. Treibende Kraft hinter dem Klimaschutzengagement der Küstenregion ist Gunnar Thöle, der seit April 2012 als Klimaschutzmanager im Kreis Nordfriesland tätig ist. Nach dreijähriger Förderung durch das Bundesumweltministerium im Rahmen der Nationalen Klimaschutzinitiative läuft seine Personalstelle unbefristet weiter. Das Anschlussvorhaben für das Klimaschutzmanagement im Rahmen der Förderung durch das BMUB ermöglicht der Kreisverwaltung für zwei Jahre eine zusätzliche Personalstelle im Klimaschutzmanagement zu schaffen.
Zitat
„Klimaschutz wird oft mit ‚Immer nur Wollpullis anziehen’, ‚Alles was Spaß macht ist verboten’ und ‚Womöglich auch noch vegan? Da isst man ja gar nichts!’ gleichgesetzt. Das stimmt natürlich nicht, und genau das möchte ich hier vor Ort zeigen.“

SK:KK: Der Kreis Nordfriesland hat sich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2020 klimafreundlichster Landkreis in Schleswig-Holstein zu werden. Wie sieht Ihre Bilanz nach drei Jahren Klimaschutzmanagement aus?

Gunnar Thöle: Wir haben in Nordfriesland eine Stärke: Das, was meistens „Energiewende“ genannt wird, also die reichliche Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Quellen, haben wir schon vor vielen Jahren erreicht. Wir haben Eigenversorgungsquoten von mittlerweile über 400 Prozent für den gesamten Kreis, und einzelne Orte im Kreisgebiet erzeugen sogar das mehr als 100fache ihres eigenen Strombedarfs selbst. Inzwischen werden verschiedene Nutzungskonzepte für den zeitweisen Überfluss an Strom erarbeitet.

Daher konnten wir uns besonders unseren Schwächen widmen: Raumwärme und Mobilität. Diese beiden Themen zählen zu den Schwerpunkten in unserem Klimaschutzkonzept, welches die Grundlage meiner Arbeit darstellt.

SK:KK: Auf welchen Maßnahmen basiert das Konzept im Bereich Mobilität? Was konnte bereits umgesetzt werden?

Gunnar Thöle: Als ländliche Region ist Nordfriesland von langen Wegen gekennzeichnet. Diese Fahrtstrecken werden nur von wenigen Nordfriesen gleichzeitig zurückgelegt. Das erschwert die Zusammenfassung von mehreren Wegen im ÖPNV. Man muss daher zugeben: Das Auto wird bei uns auch weiterhin die Hauptrolle spielen. Einen ÖPNV, der unsere Region so gut abdeckt, dass das Auto abgeschafft werden kann – das ist nicht zu leisten.

Daher haben wir verschiedene Maßnahmen begonnen, die zum Ziel haben, dass Bürgerinnen und Bürger Wege gänzlich vermeiden bzw. ohne Auto oder gemeinsam zurücklegen und dabei als Antriebsstoff Strom statt Benzin nutzen können.

Im Kooperationsraum Eiderstedt stimmen sich zum Beispiel seit 2015 mehrere Gemeinden darüber ab, wo und wie die häufigsten Ziele, wie etwa Supermarkt, Arzt, Kultur etc., wohnortnah gemeinsam genutzt und erreicht werden können. Dies ist – unabhängig vom Klimaschutz – auch für die älterwerdende Bevölkerung wichtig. Der Umgang mit dem demographischen Wandel und der Schutz des Klimas ergänzen sich hier gut.

In einigen Gemeinden gibt es Markttreffs, die viele Funktionen kostensparend bündeln: Supermarkt, Post, Café, Gemeinschaftsraum, Häkelclub usw. sind an einer Stelle, das spart ebenfalls Kosten und Wege.

Für den ÖPNV wird seit 2013 ein umfassendes Mobilitätskonzept erarbeitet, um ein Angebot auch abseits der Schiene und abseits der Schülerbeförderung zu schaffen, das wirtschaftlich tragfähig ist und trotzdem attraktiver für Nutzer und Touristen wird als das bestehende Busangebot.

Große Erfolge gibt es in der Elektromobilität. „Strom vom Deich statt Öl vom Scheich“ ist ein nordfriesisches Erfolgsmodell. Neben der Nutzung von E-Fahrrädern, die den andauernden Gegenwind erträglicher machen, fahren viele Nordfriesen mit Strom im Tank.

SK:KK: Welche Rolle spielt E-Mobilität generell in Nordfriesland? Wie hat sich dieser Bereich über die vergangenen Jahre hinweg entwickelt?

Gunnar Thöle: Jeder 1.000ste Nordfriese fährt elektrisch Auto. Das klingt wenig, ist aber mehr als 5-mal so viel wie im Rest Deutschlands – und jeden Monat werden es mehr. Mit inzwischen um die 70 öffentlichen Stromtankstellen im gesamten Kreis und sogar auf einigen Fähren, aber nur 48 Benzintankstellen, spielt die Reichweitenangst nur noch eine Rolle, wenn man Nordfriesland in die Nachbarkreise  verlassen möchte. Anfang 2012 gab es gerade mal sieben Stromspender im Kreisgebiet.

Da eine örtliche Genossenschaft Rabattverträge mit mehreren Autoherstellern ausgehandelt hat, wird auch der einst unangenehm hohe Kaufpreis mittlerweile attraktiv. Wer mindestens 30 Kilometer pro Arbeitstag fährt – und diese Entfernung kommt bei uns schnell zusammen – für den ist ein Stromauto heute schon rein finanziell interessant.

Das größte Problem sind für uns Hamburg und Kiel, die nächsten größeren Städte in 90 und 180 km Entfernung. Da muss man unterwegs aufladen, und zwar schnell. Der direkte Nachbar Dänemark und große Teile Norwegens und Schwedens sind längst mit einem Netz an Schnellade-Stromtankstellen ausgerüstet. Deutschland noch nicht. Darum hat sich Nordfriesland gemeinsam mit den umliegenden Kreisen das Ziel gesetzt, ein weitgehend flächendeckendes Netz von Schnelladern entlang der gesamten Westküste von Dänemark bis Hamburg zu installieren.

SK:KK: Welches sind die größten Herausforderungen, denen Sie als Klimaschutzmanager in ihrer täglichen Arbeit gegenüberstehen?

Gunnar Thöle: Neben der für „Externe“ ungewohnten Verwaltungswelt ist es natürlich die Überzeugungsarbeit. Warum soll man jetzt etwas anders machen als früher? Nur um das Klima zu schützen? Das funktioniert selten.

Aber es gibt ja noch andere Vorteile – und mit diesen gilt es zu überzeugen. Elektromobilität ist dafür das beste Beispiel: Elektrisch statt mit Benzin Auto zu fahren ist großartig. Wer ein paar Mal eingestiegen ist, will die Vibrationen und den Lärm des Benziners nicht mehr hören. Tanken ist endlich sauber und geruchsfrei und man kann sogar zu Hause in der eigenen Garage tanken – für den halben Preis pro gefahrenen Kilometer. Und nebenbei: An der Ampel ist man auch immer der Erste.

SK:KK: Sie gehen selbst mit gutem Beispiel voran. Dazu zählt auch, dass Sie die CO2-Emissionen, die mit Ihrer Tätigkeit als Klimaschutzmanager einhergehen, transparent machen. Können Sie uns das näher erläutern?

Gunnar Thöle: Wer überzeugen will muss glaubwürdig sein. Das gilt überall. Klimaschutz wird oft mit „Immer nur Wollpullis anziehen“, „Alles was Spaß macht ist verboten“ und „Womöglich auch noch vegan? Da isst man ja gar nichts!“ gleichgesetzt. Das stimmt ja nicht, und das kann man zeigen. Dazu gehört, dass man zu Verabredungen mit dem Elektroauto anreist. Und dass man auch vor der eigenen Haustür kehrt und seine persönlichen CO2-Emissionen mit einer modernen Heizungsanlage reduziert. Eine gewisse Reputation ist wichtig!

Das, wozu man andere motivieren möchte, muss man selbst vorleben. Dazu zählt für mich auch, dass ich die CO2-Emissionen, die mit meiner Tätigkeit einhergehen, transparent mache.

Porträt
Name Gunnar Thöle
Ausbildung Industriemechaniker & Dipl.-Ing. Maschinenbau
Kontaktdaten Kreis Nordfriesland
Marktstraße 6
25813 Husum
Tel.: 04841-61136
Fax: 04841-67457
E-Mail: gunnar.thoele@nordfriesland.de
Bundesland Schleswig-Holstein
Kommune Kreis Nordfriesland
Einwohnerzahl und Größe der Kommune ca. 165.000 EW auf einer Fläche von 2.049 km2 über 400 Kilometer Küstenlinie
Meine Verortung in der Kommune Im Kreishaus in Husum
Ich bin Klimaschutzmanager für... ...die Umsetzung der im Klimaschutzkonzept vorgeschlagenen Maßnahmen sowie der regelmäßigen Überprüfung der Klimabilanz.
Projektlaufzeit 04/2012-03/2015 (Inzwischen mit unbefristetem Vertrag eingestellt.)
Highlights der nächsten 12 Monate

Verstärkung des Klimaschutzmanagements mit einer weiteren Personalstelle

Antragstellung "Masterplan 100 % Klimaschutz"

Ausbau eines Netzes an Stromtankstellen zur Schnell-Ladung von Elektroautos entlang der gesamten Westküste

Marktstraße 6
Husum
25813
9.0469470
54.4839490
Förderprogramm
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