Nahaufnahme Klimaschutz
Juli 2015

Stefan Franke, Marburg-Biedenkopf

„Wir haben unseren Weg gefunden und gehen diesen gemeinsam mit immer mehr Menschen weiter“, so das Zwischenfazit von Stefan Franke, der seit knapp drei Jahren als Masterplanmanager im Landkreis Marburg-Biedenkopf tätig ist. Er sieht gute Chancen, dass der Landkreis seine ehrgeizigen Klimaschutzziele erreichen kann. Denn bis 2050 sollen die CO2-Emissionen in der Masterplankommune um 95 Prozent im Vergleich zu 2010 reduziert werden.
Zitat
„Papa, setz dich bitte dafür ein, dass die Erde nicht wärmer wird und wir Kinder eine heile Umwelt haben – nach dieser Aussage meines damals 7-jährigen Sohnes habe ich mich auf die Stelle des Masterplanmanagers beworben.“

SK:KK: Was macht den Landkreis Marburg-Biedenkopf so geeignet als Klimaschutz-Modellregion für andere Kommunen in Deutschland?

Der Landkreis Marburg-Biedenkopf in Mittelhessen ist eher ländlich geprägt mit Land- und Forstwirtschaft in einer waldreichen Mittelgebirgsregion, aber auch mit einer starken mittelständischen Wirtschaft. Die Region birgt viele verschiedene Potenziale an Erneuerbaren Energien, diese können aber oft nicht so einfach realisiert werden. Zudem kommt es häufig zu Interessenskonflikten, etwa beim Thema Windkraft versus Naturschutz. Auch die finanzielle Situation im Landkreis ist schwierig, so dass wir viele Klimaschutzprojekte ohne oder mit nur geringen finanziellen Eigenmitteln realisieren müssen. Unser Ziel, die CO2-Emissionen bis zum Jahr 2050 um 95 Prozent im Vergleich zu 2010 zu senken, ist bei den gegebenen Voraussetzungen sehr ehrgeizig. Genau das macht den Landkreis so geeignet als Modellregion. Denn wenn es uns hier gelingt, dann ist erfolgreicher Klimaschutz auch in fast allen anderen Regionen möglich.

Glücklicherweise sind die Bereitschaft zur Mitarbeit und Umsetzung von konkreten Projekten und auch die Eigeninitiative bei der Bevölkerung im Landkreis sehr groß. Ein gutes Beispiel sind die vielen Bioenergiedörfer, wo Bürger in Form von Genossenschaften die Energieversorgung ihres Dorfes in die eigenen Hände genommen haben. Auch die eher mittelständische Wirtschaft ist in puncto Energieeffizienz sehr aktiv und hat bereits zahlreiche interessante Projekte realisiert.

SK:KK: Sie sind als Masterplanmanager tätig. Ihr Kollege Thomas Madry als Masterplanumsetzungsmanager im gleichen Landkreis. Wie kam es zu dieser „Doppelbesetzung“? Und wie gestaltet sich Ihre Zusammenarbeit?

Diese „Doppelbesetzung“ während der Umsetzungsphase des Masterplans von Anfang 2014 bis zum Projektende im Juni 2016 war sinnvollerweise schon von Anfang an eingeplant und wird auch gefördert. Dadurch haben wir die Chance, möglichst vielen Maßnahmen umzusetzen. Wie der Name „Umsetzungsmanager“ schon sagt, liegt der Tätigkeitsschwerpunkt auf der konkreten Umsetzung von Maßnahmen aus dem Masterplan. Dabei liegt ein wichtiger Fokus auf der Einbindung vieler verschiedener Akteure und Multiplikatoren. Die Vernetzung ist in einem Flächenlandkreis wie unserem sehr wichtig.

Aufgrund einer sinnvollen und klaren Aufgabenteilung, die sich vor allem auf die unterschiedlichen Zielgruppen bezieht, gestaltet sich die Zusammenarbeit  sehr gut. Herr Madry bearbeitet die „Bürgerthemen“ wie Gebäudesanierungen, Energieberatung, Mobilität und Lebensstile/Ernährung. Meine Zielgruppen für Umsetzungsmaßnahmen sind die Wirtschaft, die Kommunen, Infrastrukturanbieter sowie die Land- und Forstwirtschaft. Daneben liegen die Projektleitung und das Controlling für das  Masterplanprojekt in meinen Händen. Darüber hinaus nimmt das Thema Verstetigung der Klimaschutzaktivitäten im Landkreis eine wichtige Rolle ein.

SK:KK: Aktuell werden elf Prozent des Stroms im Landkreis aus Erneuerbaren Energien (EE) gedeckt. Ziel ist, den Energiebedarf bis 2040 vollständig mit Erneuerbaren Energien aus der Region zu decken. Welche Maßnahmen und Projekte wurden im Zusammenhang mit diesem Thema angegangen?

Momentan laufen zwei Modellprojekte, die den Einsatz von EE-Anlagen (speziell Photovoltaik) bei öffentlichen Gebäuden und Firmen ausweiten sollen. Ziel ist, die vielen ungenutzten Dachflächen für die Erzeugung von EE nutzbar machen.

Mit dem Projekt „Bürger-Spenden-EE-Anlagen“ wollen wir mit zweckgebundenen Spenden EE-Anlagen auf Gebäuden von gemeinnützigen und öffentlichen Einrichtungen – wie z. B. Vereinen, Feuerwehren und Kitas – errichten. Die dadurch entstehenden Einnahmen fließen unmittelbar den Einrichtungen zu. Mit der Maßnahme „Finanzielle Mitarbeiterbeteiligung an EE-Projekten im Unternehmen“ sollen speziell kleine Firmen zusätzliche Finanzmittel für EE-Anlagen erhalten und die Mitarbeiter an den Erlösen beteiligt werden.

Der Ausbau der Erneuerbaren Energien durch private und öffentliche Investoren geht aber auch kontinuierlich weiter, aktuell liegt der Schwerpunkt auf mehreren größeren Windparks im Landkreis.

Weitere entscheidende Themen sind Energieeffizienz und -einsparung. Wir müssen massiv Energie einsparen (ca. 50 Prozent), damit wir die Restmenge überhaupt mit den aktuellen EE-Potenzialen im Landkreis decken können. Daher sind Energieeffizienzkampagnen für Bürger und Unternehmen Grundbausteine unserer Arbeit, wobei Beratungsangebote, Informationsveranstaltungen und Vernetzungsaktivitäten die Basis bilden. Ganz in diesem Sinne saniert auch der Landkreis seine Schulen im Rahmen eines 50 Mio.-Euro-Projektes über 5 Jahre energetisch. Das Thema Energieeffizienz wird auch in den kreisweiten Unternehmensarbeitskreisen „Wirtschaft + Energie“  intensiv behandelt, damit der Energiebedarf reduziert wird.

SK:KK: Worin sehen Sie generell die größten Herausforderungen bei der Umsetzung der Klimaschutzziele?

Aktuell erleben wir eine gewisse Ernüchterung und ein nachlassendes Interesse der Menschen am Klimaschutz. Der Klimaschutz 2.0 muss nun ein nachhaltiger integraler Bestandteil von jedem Denken und Handeln im privaten, öffentlichen und wirtschaftlichen Bereich werden. Gerade als Querschnittsaufgabe kann der Klimaschutz viele verschiedene Zukunftsthemen sinnvoll verbinden und sehr viele Synergien nutzen. Klimaschutz und die Nutzung Erneuerbarer Energien bilden wichtige Bausteine für die Zukunftsfähigkeit einer Region, sie erzeugen positive Effekte für die regionale Wertschöpfung, den regionalen Arbeitsmarkt und die Attraktivität einer Region. Dabei reicht es nicht, wenn einzelne Personen oder nur öffentliche Institutionen aktiv werden. Nur viele  verschiedene Menschen an vielen verschiedenen Stellen mit vielen verschiedenen Maßnahmen können die Ziele gemeinsam erreichen. Genau das soll auch unser neues Klimaschutzlogo symbolisieren! Dort sind unterschiedliche Farben für verschiedene Erneuerbare Energiequellen und Themenfelder mit verschiedenen Akteuren neben dem Motto „ Klimaschutz Gemeinsam“  dargestellt.

SK:KK: Sie sind seit dem 1.10.2012 als Masterplanmanager tätig. Wie fällt Ihre persönliche Bilanz aus?

Die jeweiligen Masterplanprojektziele konnten wir erreichen und auch schon viele Klimaschutzmaßnahmen starten und umsetzen. Mit der öffentlichen Vorstellung des „Masterplan-Bürgerberichtes“ am 10.4.2014 in Form einer moderierten  „Klimaschutz-Mitmach-Show“ konnten wir den Masterplan bei den Besuchern, in der Presse und im Landkreis weiter bekannt machen. Weiterhin ist es uns gelungen, generell sehr viele verschiedene Akteure aus allen gesellschaftlichen  Bereichen an dem Klimaschutzprozess zu beteiligen und einzubinden. Auch innerhalb der Verwaltung konnten der Klimaschutz integriert und viele verwaltungsinterne Kooperationen gestartet werden. So ist der Klimaschutz mitten in der Verwaltung und im Landkreis angekommen.

Persönlich freuen mich auch die positiven Erfahrungen im Themenfeld „Industrie“. Dort gibt es inzwischen zwei Arbeitskreise „Wirtschaft und Energie“, einen für die 15 größten Energienutzer im Landkreis und einen speziell für die KMUs der Schwerpunktbranchen Kunststoff- und Metallverarbeitung. Beide Arbeitskreise finden regelmäßig statt und die Themen werden von den Teilnehmern bestimmt. Auch das „Energiefrühstück für Unternehmen“ in den Kommunen im Landkreis erreicht die bisher nicht aktiven Firmen, informiert über Förder- und Beratungsangebote und vernetzt die Firmen vor Ort zu dem Thema Energie. Die bisherigen Aktivitäten und das große Interesse von vielen Firmen an dem Thema Energie machen mir Hoffnung.

Dahinter steht natürlich auch die Leistung aller Mitarbeiter im Fachdienst Klimaschutz. Das sind  aktuell acht Personen (sieben Stellen, davon fünf befristete geförderte Projektstellen), die z.B. das Klimaschutz-Konzept umsetzen, als Energie-Coach in Schulen unterwegs sind, das Energiemanagementsystem des Landkreises aufbauen oder die Biomassenutzung voranbringen. Diese fachliche Vielfalt, die gute Teamarbeit und die Unterstützung der Kreisverwaltungsspitze sind Basis für die bisherigen Erfolge. Weiterhin ist die gute Vernetzung mit anderen Klimaschutzkommunen im Rahmen des Masterplans sehr hilfreich und auch die Unterstützung durch die Fördermittelgeber (BMUB/PTJ) ist sehr gut.

Für die aktuelle Situation habe ich folgendes Bild vor Augen: „Wir haben unseren Weg gefunden und gehen diesen gemeinsam mit immer mehr Menschen weiter“.

Porträt
Name Stefan Franke
Ausbildung

Dipl. Ing. Maschinenbau-Verfahrenstechnik

Kontaktdaten Landkreis Marburg-Biedenkopf
Fachbereich Ländlicher Raum und Verbraucherschutz
Fachdienst Klimaschutz und Erneuerbare Energien
Herrmann-Jacobsohn-Weg 1
35039 Marburg
Tel.: 06421-4056213
Fax: 06421-405926213
E-Mail: frankes@marburg-biedenkopf.de
Bundesland Hessen
Kommune Landkreis Marburg-Biedenkopf
Einwohnerzahl und Größe der Kommune Ca. 241.000 EW auf einer Kreisflächen von ca. 1.300 km2 mit dem Oberzentrum Marburg (ca. 70.000 EW)
Meine Verortung in der Kommune Fachdienst Klimaschutz und Erneuerbare Energien
Ich bin Masterplanmanager für... … die Erstellung der Masterplans 100 % Klimaschutz bis Ende 2013 und seitdem für Projektleitung Masterplan und Umsetzung der Klimaschutzmaßnahmen, schwerpunktmäßig  in den Bereichen Industrie, Regionale Wertschöpfung, Land- und Forstwirtschaft sowie Abwasser/Kläranlagen
Projektlaufzeit 1.7.2012-30.6.2016 (Ausblick auf Anschlussvorhaben bis Ende 6/2018)
Highlights der nächsten 12 Monate

Gemeinsame Umweltmesse Landkreis Marburg-Biedenkopf und Stadt Marburg im Herbst 2015

Austausch zum Thema Klimaschutz/Erneuerbare Energien mit unserem polnischen Partnerlandkreis

"Energieeffizienznetzwerk(e) für Unternehmen"

Weitere Umsetzung Projekt "Bürger-Spenden-EE-Anlagen" und "Finanzielle Mitarbeiterbeteiligung an EE-Anlagen in Firmen/öffentliche Verwaltungen"

Verstetigung der Klimaschutzaktivitäten im Landkreis und in der Region Mittelhessen

Hermann-Jacobsohn-Weg 1
Marburg
35039
8.7803100
50.8050200
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