Klimaschutz mit Hochschulreife: Bildung trifft Verantwortung
14.000 Studierende, 900 Mitarbeitende, 90 Prozent Emissionen durchs Pendeln: Im Interview gibt Klimaschutzmanagerin Dorothee Albrecht von der Fachhochschule Dortmund Einblicke, wie ihre Hochschule den größten Klimahebel gefunden hat. Geführt wurde das Interview für den Agentur-Newsletter für Klimaschutzpersonal.
Hochschulen sind gleichzeitig Forschungseinrichtung, Arbeitgeberin, Flächenbewirtschafterin und Bildungsort. Welches dieser Felder bietet aus Ihrer Sicht den größten Hebel für den Klimaschutz?
Dorothee Albrecht: Für mich liegt der größte Hebel klar bei unseren Studierenden. Wenn wir die rund 14.000 Studierenden an der Fachhochschule Dortmund fit machen mit Wissen und Handlungskompetenzen für eine nachhaltige Entwicklung, gibt es mehr künftige Entscheidungsträgerinnen und -träger, die in ihren späteren Arbeitsfeldern ökologische und soziale Transformationen anstoßen können. Das kann eine große Multiplikatorwirkung haben. Gleichzeitig trägt die Fachhochschule als Bildungseinrichtung und Arbeitgeberin Verantwortung und das wollen wir zeigen: Wir arbeiten zum Beispiel an einer Nachhaltigkeitsstrategie und setzen bereits konkret bei Gebäude- und Energiefragen an – beispielsweise mit dem Bau einer Photovoltaikanlage (PV-Anlage) und dem Beschluss, den Ausbau weiterzuführen.
Wie gelingt es Ihnen, das Hochschulpräsidium und andere Entscheidungsträgerinnen und -träger dauerhaft für Klimaschutzthemen zu gewinnen?
Albrecht: Kurz: durch Zusammenarbeit, Transparenz und gute Argumente. Wir arbeiten sehr gut im Team des Corporate Social Responsibility (CSR) Office zusammen, bieten viele Beteiligungsformate für Beschäftigte und Studierende und haben die CSR-AG fest in der Organisationsstruktur verankert. In der AG wirken sowohl die Hochschulleitung und die verschiedenen Fachbereiche und Dezernate zusammen, als auch viele engagierte Kolleginnen und Kollegen. Der Kanzlerin der FH Dortmund ist Nachhaltigkeit natürlich sehr wichtig – wenn sich damit zudem die Betriebskosten senken lassen, wie beim PV-Ausbau, ist das noch besser. Hilfreich war außerdem, dass wir Fachkompetenz aus der Elektrotechnik bei der Planung eingebunden haben. Ein weiterer Rückenwind kam durch die Teilnahme unserer Fachhochschule am Pilotaudit der Hochschulrektorenkonferenz zur „Nachhaltigkeit an Hochschulen“. Das hat unserer Leitung signalisiert, dass wir auf einem guten Weg sind. Aus dem Prozess heraus wurden zum Beispiel Entwicklungsziele der Verwaltung mit Nachhaltigkeitsschwerpunkt formuliert.
Was zeigt Ihre Treibhausgasbilanz – was hat Sie überrascht oder ist vielleicht unbequem?
Albrecht: Am meisten überrascht hat mich der sehr hohe Anteil der Pendelwege – knapp 90 Prozent unserer Emissionen entfallen darauf, wie Mitarbeitende und Studierende zur Hochschule gelangen. Das ist einerseits unbequem, weil die individuellen Mobilitätsentscheidungen nicht in unserem direkten Einfluss liegen. Andererseits heißt das: Schon kleine Verhaltensänderungen bei vielen Menschen haben eine spürbare Wirkung. Jede Person, die öfter aufs Fahrrad steigt, den öffentlichen Nahverkehr nutzt, Fahrgemeinschaften bildet oder Dienstreisen überdenkt, trägt zum Klimaschutz bei. Hier setzen wir mit Anreizen, einem Ausbau der Fahrradinfrastruktur oder Kampagnen zur Sensibilisierung für eine klimafreundliche und gesunde Mobilität an. Beispielsweise haben sich die Personalräte und Nachhaltigkeitsbüros der FH und TU Dortmund zusammengeschlossen, um Vorteile beim Fahrradkauf zu ermöglichen. Das Rabattangebot richtet sich an alle Beschäftigten, die nachhaltige (Pendel-)Mobilität im Alltag unterstützen möchten. Langfristig planen wir ein Fahrradleasing (JobRad) für Beschäftigte der Hochschulen in NRW. Idealerweise werden beide Angebote (Fahrrabatte und JobRad) in Zukunft parallel zur Verfügung stehen.
Was würden Sie neuen Kollegen und Kolleginnen raten, die gerade eine Stelle als Klimaschutzmanagerin bzw. -manager an einer Hochschule antreten? Welche drei Dinge sollte man in den ersten sechs Monaten unbedingt tun?
Albrecht: Erstens: Ganz viel vernetzen und Verbündete finden. Dies sowohl intern bei den Fachbereichen, der Verwaltung und den Studierenden. Aber auch extern bieten sich viele Chancen der Zusammenarbeit, zum Beispiel in der Region oder im Austausch mit den Nachhaltigkeits- und Klimaschutzmanagerinnen und -managern anderer Hochschulen. Vieles muss man nicht alleine neu erfinden. Und es bieten sich Synergieeffekte – zum Beispiel bei der Nachhaltigkeitswoche, die wir seit drei Jahren jährlich in Kooperation mit der Technischen Universität Dortmund, dem Studierendenwerk Dortmund und den Allgemeinen Studierenden-Ausschüssen (AStA) beider Hochschulen durchführen.
Zweitens: Die Low‑hanging‑fruits identifizieren und sichtbar umsetzen, etwa im Bereich Energie die Heizungssteuerung optimieren, Winterschließzeiten einführen oder die Beleuchtung auf LED umrüsten. Im Handlungsfeld Mobilität lassen sich zum Beispiel Dienstreiserichtlinien anpassen (Kurzstreckenflüge vermeiden) und die Fahrradinfrastruktur stärken.
Drittens: Nicht in Datenfluten versinken. Für die THG-Bilanz ist es zwar wichtig, sorgfältig zu arbeiten, aber auch einen Cut zu setzen – 100 Prozent perfekte Daten wird man selten erreichen. Lieber Schritt für Schritt vorgehen und Maßnahmen umsetzen, statt auf Perfektion zu warten.